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Häusliches Arbeitszimmer- das Bundesverfassungsgericht hat entschieden

01-09-2010 10:34

Zur Rechtslage

Bis einschließlich 2006 waren die Raumkosten eines häuslichen Arbeitszimmers

 

(1) in voller Höhe absetzbar, wenn dieses den Mittelpunkt der gesamten beruflichen Tätigkeit darstellte (Betätigungsmittelpunkt).

(2) beschränkt auf einen Betrag von € 1.250 p.a. absetzbar, wenn:

(a) der überwiegende Teil der Arbeitszeit an diesem Ort verbracht wurde, oder

(b) für diese Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung stand.

 

Seit 2007 ist die Alternative (2) vollständig entfallen, also kein Abzug von Arbeitszimmerkosten mehr für viele Zahnärzte und andere Berufsgruppen.

 

Das Bundesverfassungsgericht entscheidet: rückwirkende Änderung ab 2007 erforderlich

Mit Beschluss vom 29.07.2010 (2 BvL 13/09) wurde die gesetzliche Neuregelung ab 2007 zumindest in Teilen für verfassungswidrig erklärt: Die Kosten eines häuslichen Arbeitszimmers müssen dann – beschränkt auf € 1.250 p.a. - abzugsfähig sein, wenn für die Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Der Gesetzgeber muss nun den § 4 Abs. 5 Nr. 6b ESTG rückwirkend ab 2007 ändern.

 

Auswirkungen für Zahnärzte

Entschieden wurde die klassische Lehrersituation. Ob die Sachlage auf Zahnärzte übertragbar ist, muss im Einzelfall entschieden werden. Hier lohnt ein Blick auf die Steuerrechtsurteile zur Rechtslage 2006:

Das häusliche Arbeitszimmer eines Ergotherapeuten wurde anerkannt, weil ihm in der Praxis kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung stand. (FG Niedersachsen am 23.05.07, 12 K 506/03): Die Behandlungsräume seinen keine für Verwaltungstätigkeiten geeigneten Arbeitsplätze. Der mit PC ausgestattete Empfang stehe nicht zur alleinigen Nutzung durch die für die Verwaltungsarbeiten eingestellte Ehefrau während der normalen Arbeitszeit zur Verfügung, zudem sei bei Mitnutzung durch die übrigen Angestellten keine Vertraulichkeit gegeben. Leider ganz anders urteilte der BFH am 11.12.2007 (VIII B 202/06): Kein Abzug bei Ärzten, denen ein zumutbarer Arbeitsplatz auch außerhalb der Praxiszeiten zur Verfügung stehe.

Fazit: Es kommt auf die Raumverhältnisse und Ausstattung Ihrer Praxis an. In vielen Fällen wurden Arbeitszimmer für Zahnärzte nach der Alternative 2 b) anerkannt.

 

Vorab prüfen: Arbeitszimmer als „notwendiges Betriebsvermögen“?

Vorsicht ist geboten, wenn das Arbeitszimmer im Alleineigentum des Praxisinhabers steht: Das häusliche Arbeitszimmer rechnet steuerlich zum Betriebsvermögen, wenn sein Verkehrswert € 20.500 übersteigt oder der Anteil an der gesamten Nutzfläche des Hauses mehr als 20 % beträgt. Es zählt jedoch nur der Anteil des Praxisinhabers, nicht der seines Ehegatten oder anderer Miteigentümer (bestätigt durch den BFH, Urteil vom 29.04.08, VIII R 98/04).

Beispiel:

Anschaffungskosten 1990 € 180.000, Verkehrswert des Hauses € 300.000, Nutzfläche 200 qm, Anteil Arbeitszimmer 20 qm, anteiliger Wert € 30.000 

Kosten der Arbeitszimmers p.a. € 800, davon AFA € 200, auf 20 Jahre damit € 16.000.

Das Arbeitszimmer gehört zum Betriebsvermögen, weil sein anteiliger Verkehrswert mit € 30.000 über dem Grenzwert liegt. Bei Verkauf/Aufgabe der Praxis ist die Wertdifferenz zu versteuern. Diese ermittelt sich so:

Anschaffungswert 1990         € 18.000

./  AFA 1990-2010                   €   4.000

=  Buchwert 2010                  € 14.000

Verkehrswert 2010               € 30.000

Gewinn steuerpflichtig         € 16.000

Im Ergebnis muss das versteuert werden, was als Kosten in 20 Jahren absetzbar war, ein schlechtes Geschäft! Rechnen Sie also nach, bevor Sie den Kampf ums Arbeitszimmer oder Archiv führen.

 

Immer zu prüfen- liegt überhaupt ein häusliches Arbeitszimmer vor?

Ein steuerlich anerkanntes häusliches Arbeitszimmer muss bestimmten Voraussetzungen erfüllen, sonst sind die Raumkosten grundsätzlich nicht abzugsfähig, z.B. eine ausschließliche berufliche Nutzung, ein vom übrigen Wohnbereich abgeschlossener Raum, eine getrennte Aufzeichnung der Kosten usw.

Es gelten nur Räume mit vorwiegend büromäßiger Ausstattung als „häusliche Arbeitszimmer“. Wird z.B. ein Archivraum im Wohnhaus unterhalten, der nach der Ausstattung eine Büronutzung nicht zulässt, so sind die Kosten voll abzugsfähig (BFH vom 19.03.03, VI R 40801 zum Lager für pharmazeutische Artikel). Wird das Arbeitszimmer außerhalb des eigenen Hauses oder auch außerhalb des eigenen Wohnbereichs in einem Mehrfamilienhaus angemietet, gibt es ebenfalls keine Abzugsbeschränkung. Auch eine Notfallpraxis mit eigenem Eingang ist kein „häusliches Arbeitszimmer“.

 

Aktueller Handlungsbedarf

Prüfen Sie, ob in Ihren Gewinnermittlungen ab 2007 ein häusliches Arbeitszimmer abzusetzen war. Wenn der Posten enthalten ist, dann müssen Sie gar nichts tun.

Ist er nicht enthalten, dann prüfen Sie, ob der Steuerbescheid durch Einspruch offen war, oder– für die neueren Bescheide – einen Vorläufigkeitsvermerk zur Abzugsfähigkeit des Arbeitszimmers enthält. Melden Sie dann Ihrem Finanzamt die Kosten des Arbeitszimmers nach. Sobald die Neuregelung zum Arbeitszimmer verabschiedet wird, ist mit einer Steuerrückerstattung zu rechnen.

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