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Die Praxisübernahme aus steuerlicher Sicht

19-04-2016 16:15

Vorweggenommene Betriebsausgaben

Schon vor der eigentlichen Existenzgründung entstehen in der Regel Kosten, die steuerlich von Bedeutung sind. Da sie nicht mit einer derzeit ausgeübten Angestelltentätigkeit zusammenhängen, gehören sie nicht zu den Werbungskosten. Es sind vorweggenommene Betriebsausgaben einer späteren selbständigen Tätigkeit. Gleichwohl müssen sie im Jahr der Zahlung in einer Steuererklärung angesetzt werden, und zwar in der Anlage S für „selbständige Tätigkeit“.

 

Diese Aufstellung der vorweggenommen Betriebsausgaben soll einen Anhaltspunkt geben,  damit keine möglichen angefallenen Kosten vergessen werden:

  • Kosten der Praxissuche (Reisekosten, Makler, Telefon und Porto usw.). Führen Sie einen Kalender, in dem sämtliche Termine und damit zusammenhängende Kosten, KM und Abwesenheitszeiten  aufgezeichnet sind. Auch Fortbildungs- und sonstige Termine können hier gesammelt werden.
  • Seminare zur Praxisgründung z.B. bei  Kammer, KZV, Dentaldepots
  • Kollegen- oder Mentorentreffen zum Sammeln von Erfahrungen und Tipps
  • Beratungen zur Praxisgründung
  • Anschaffungen für die spätere Praxis. Dies können auch geschenkte Gegenstände sein, z.B. Mobiliar, Dekoration usw. Ohne eigene Anschaffungskosten wird der Verkehrswert im Jahr der Praxiseröffnung angesetzt.

Alle diese Kosten (außer Geschenke) müssen zwingend im Jahre der Ausgabe  in einer Steuererklärung angesetzt werden (Verausgabungszeitpunkt nach § 11 ESTG)


Steuerchancen und -risiken der Finanzierung

Jeder Existenzgründer benötigt ein Finanzierungskonzept. In der Regel werden mehrere Darlehen abgeschlossen, um die Praxisgründung oder –übernahme, oder den Einstieg in eine Kooperation zu finanzieren. Eine Besonderheit des Steuerrechtes kann einen Existenzgründer viel Geld kosten, wenn er sie nicht beachtet.

Zinsen für betrieblich oder beruflich bedingte Darlehen sind nicht grundsätzlich in voller Höhe als Betriebsausgaben abzugsfähig, sie können auch private Kosten ohne Steuerersparnis darstellen. Die steuerliche Abzugsfähigkeit richtet sich nach folgendem Prüfschema:

  • Das zugehörige Darlehen oder die Kontoüberziehung ist betrieblich veranlasst. Dies ist der Fall bei Erwerb der gesamten Praxis oder einzelnen Wirtschaftsgütern des betrieblichen Anlagevermögens (Investitionsdarlehen). Die Höhe der Investitionen ist unerheblich. Auch geringwertige Wirtschaftsgüter mit Anschaffungskosten unter € 410 fallen hierunter. Werden Wirtschaftsgüter teilweise privat genutzt, so muss die berufliche Nutzung überwiegen (Bsp. Pkw). Zinsen von Investitionsdarlehen sind in voller Höhe steuerlich abzugsfähig.
  • Auch Darlehen oder Überziehungen für die Bezahlung von Lieferantenschulden  oder sonstigen Betriebsausgaben oder den Ausgleich einer Überziehung auf einem laufenden Konto sind betriebliche Darlehen. Aber nicht in allen Fällen sind die Zinsen als Betriebsausgaben steuerlich abzugsfähig. Hierzu müssen weitere Voraussetzungen erfüllt sein.
  • Darlehen für die Ablösung eines betrieblich veranlassten Kredites.  War der ursprüngliche Kredit Betriebsvermögen, so kann sich durch die Umschuldung dieses Kredites nichts ändern (z.B. bei Auslaufen der Zinsbindung für den Praxisgründungskredit)
  • Private Entnahmen oder hohe Steuerzahlungen hingegen führen nicht zu betrieblichen Darlehen. Diese Zinsen sind nie steuerlich abzugsfähig.
  • Die Zinsen  (ohne Zinsen für Investitionsdarlehen) dürfen € 2.050,- p.a. nicht übersteigen. Übersteigen sie diesen Betrag, dann muss gerechnet werden.

 

Schuldzinsen der Praxis im laufenden Wirtschaftsjahr

Abzüglich: Schuldzinsen für Investitionsdarlehen

= Verbleibende Schuldzinsen

Abzüglich: Mindestbetrag der sonstigen Schuldzinsen von € 2.050

A)     zu kürzende Schuldzinsen

zu vergleichen mit:

B)    Gewinn abzüglich Entnahmen zuzüglich Einlagen des Wirtschaftsjahres zuzüglich Überentnahmen oder abzüglich Unterentnahmen des Vorjahres.
Ergibt sich ein Minus, dann werden darauf  6% Zinsen gerechnet.

= der kleinere Betrag von A oder B wird dem Gewinn hinzugerechnet.

Beispiel:

Dr. Neu hat eine Praxis für 200.000 € erworben und noch mal 100.000 € investiert. Sein Betriebsmittelkredit beträgt  70.000 €. Im Jahr 02 hat er Zinsen von 12.500 €, davon 3.500 € für den Betriebsmittelkredit. Er hat in 01 einen Verlust von 30.000 € geschrieben, in 02 einen Gewinn von 20.000 €, in beiden Jahren Entnahmen von 25.000 €

Im Jahr 01 hatte er Überentnahmen von € 55.000 (Gewinn – Entnahmen), per Ende 02 Überentnahmen von 60.000 € (- 55.000 + 20.000 – 25.000). 6 % wären 3.600 €. Die Zinsen auf übrige Darlehen ohne Investitionsdarlehen betragen 3.500 €. Abzüglich Freibetrag von 2.050 € sind 1.450 € Zinsen steuerlich nicht abzugsfähig (maximal 3.600 €).


Um die grundlegende Problematik der steuerlichen Zinskürzung niedrig zu halten, sind verschiedene Strategien nötig: Der Existenzgründer sollte Investitionen sollten immer finanzieren, auch bei niedrigen Anschaffungskosten. Diese Investitionskredite sollten so  lange fortgeführt werden, bis alle übrigen Darlehen (auch private Darlehen) bezahlt sind. Wichtig ist auch die Aufbewahrung aller Darlehensunterlagen und zugehörigen Investitionen  von Beginn an, damit die Einordnung als Investitionsdarlehen fürs Finanzamt auch bewiesen werden kann.


Durch Verlustrücktrag Steuern zurückholen

In den ersten Jahren der Existenzgründung werden in der Regel Verluste entstehen. Die Ausgaben laufen vom ersten Tag an, während die Einnahmen von der KZV und aus der Privatliquidation erst verzögert eintreffen. Diese Verluste können zum Rückholen von gezahlten Steuern verwendet werden.

Jeder Existenzgründer sollte daher über die Möglichkeiten des steuerlichen Verlustrücktrags oder –Vortrags Bescheid wissen. Nach dem Einkommensteuerrecht können negative Einkünfte mit positivem zu versteuerndem Einkommen des vorherigen Jahres oder der Folgejahre verrechnet werden, und führen dort zu einer Steuererstattung. Der Steuerpflichtige hat die Wahl, ob und wieviel an negativen Einkünften er in das Vorjahr zurücktragen will, der Verlustvortrag erfolgt hingegen automatisch. Dabei ist der Steuersatz entscheidend.

 

Beispiel: Dr. Neu war im Jahr vor der Praxisgründung angestellt mit einem Einkommen von 25.000 €. Er hatte 4.000 € an Steuern gezahlt. Der Verlust vom Jahr 01 von 30.000 € wird auf seinen Antrag hin zu 15.000 € bis zum Existenzfreibetrag auf das Vorjahr zurückgetragen, damit fließen alle Steuern zurück, der übersteigende Betrag  von 15.000 € wird automatisch auf 03 vorgetragen.

Besondere Steueraspekte beim Kauf einer Einzelpraxis

Beim Kauf einer Einzelpraxis erwirbt der Käufer eine Vielzahl von einzelnen Gegenständen und Werten. Diese wurden in der Regel im Rahmen der Kaufpreisfindung aufgelistet.

Nach dem Einkommensteuergesetz ist der Gesamtkaufpreis nicht in einer Summe steuerlich relevant, sondern nur aufgeteilt auf die einzelnen Wirtschaftsgüter. Je nach Art und Wert führen diese in den Folgejahren zu steuerlichen Kosten in Form von Abschreibungen.

Der Goodwill oder immaterielle Wert, der die zukünftigen Gewinnchancen einer Praxis repräsentiert, macht in der Regel einen großen Teil des Praxiswertes aus. Während in früheren Jahren schon mal behauptet wurde, der Goodwill entfalle auf den Kassenarztsitz und dieser sei nicht abschreibbar, ist diese Diskussion nun von Tisch (BFH Urteil vom 09.08.2011 VIII R 13/08). Der auf den Goodwill entfallende Kaufpreisteil wird bei einer Einzelpraxis auf 3 bis 5 Jahre abgeschrieben, beim Einstieg in eine Kooperation auf 5 bis 8 Jahre.

Die übrigen Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens werden grundsätzlich auch einzeln abgeschrieben. Beträgt ihr Wert unter 410 €, so können sie als geringwertige Wirtschaftsgüter im Jahr des Erwerbs voll abgeschrieben werden; eine Verteilung auf mehrere Jahre nach Wahl des Käufers ist aber auch möglich. Alle Werte über 410 € werden auf die Restnutzungsdauer abgeschrieben. Diese wird nach Alter und geltender AFA-Tabelle  bestimmt.

Materialien, Bestände an Gold und Implantaten usw. sind Verbrauchsgüter. Sie führen bei Einnahme-Überschussrechnung zu sofortigen Betriebsausgaben.

 

Ob eine kurze oder lange Abschreibungsdauer steuerlich sinnvoll ist, kann nicht generell entschieden werden. Dies hängt von der Gewinn- und Steuerplanung in den ersten Jahren der Existenzgründung ab. Der Praxisgründer sollte sich jedoch die größtmögliche Flexibilität bewahren. Hilfreich ist eine im Vertrag dokumentierte Aufteilung des Kaufpreises in Goodwill und sonstige Wirtschaftsgüter, sowie ein möglichst großer Anteil an Wirtschaftsgütern mit Werten unter 410 €.


Besondere Steueraspekte beim Einstieg in eine Kooperation

Wird ein Gesellschaftsanteil an bestehenden Gemeinschaftspraxis, Berufsausübungsgemeinschaft oder Partnerschaftsgesellschaft (kurz Gesellschaft genannt) erworben, so führt der Kaufpreis auch zu steuerlichen Betriebsausgaben.

Hat die Gesellschaft noch nicht abgeschriebenes Anlagevermögen, so erwirbt der Käufer anteilig quasi die Buchwerte und das darin steckende Abschreibungsvolumen.

 

Beispiel:

Für einen Kaufpreis von 200.000 € wird ein 25 % Anteil an einer Gesellschaft erworben. Der in den Büchern der Gesellschaft enthaltene anteilige Buchwert beträgt 40.000 €. Der übersteigende Kaufpreis von 160.000 € wird dann allein vom Käufer abgeschrieben, und zwar in der Regel als Goodwill auf 5 bis 8 Jahre. In Summe werden also 200.000 € abgeschrieben.


Eine grundlegende Besonderheit der Steuererklärung von Gemeinschaften sollte jedem Beteiligten  bekannt sein. Sobald man sich für den Einstieg in eine Gesellschaft entschieden hat, müssen sämtliche Ausgaben im Zusammenhang mit dieser beruflichen Tätigkeit  auch in der Steuererklärung der Gesellschaft angegeben werden. Eine Geltendmachung in der eigenen Steuererklärung ist nicht mehr möglich!

 

Beispiel:

Dr. Neu ist hat in 02 einen Anteil an der BAG Zahnärzte Köln erworben für 200.000 € erworben. Er hatte Aufwendungen für die Praxissuche, Beratungshonorare usw. im Jahr 02, zudem Zinsen für die Anteilsfinanzierung und Abschreibungen von in Summe € 50.000. Da dies seine eigenen Aufwendungen sind, gibt er sie in der Anlage S seiner Einkommensteuererklärung 02 an. Das Finanzamt kann dies nicht anerkennen. Nach der Abgabenordnung (AO) müssen die Aufwendungen in der Feststellungserklärung der BAG angesetzt werden, allerdings ausschließlich zugunsten Dr. Neu.


Steuerrisiken bei ungeplanter vorzeitiger Praxisaufgabe

Nicht jede Existenzgründung ist erfolgreich. Manchmal muss eine Praxis aus persönlichen Gründen, oder auch wegen Ertragslosigkeit wieder aufgegeben werden. Auch Kooperationen gehen häufig schief, was in der Regel zum Ausstieg des neu hinzu getretenen Gesellschafters führt.

Unabhängig von den finanziellen Nachteilen, die sich durch einen ungeplanten –Praxisverkauf ergeben können, sind auch steuerliche Probleme zu bedenken.

Darlehenszinsen aus der Finanzierung von Anschaffungen sind nur abzugsfähig, solange das damit finanzierte Wirtschaftsgut noch zur Erzielung von steuerpflichtigen Einkünften genutzt wird. Wird die Praxis aufgegeben oder der Praxisanteil veräußert, so müssen die damit zusammenhängenden Darlehen zurück gezahlt werden, soweit der Veräußerungserlös reicht, sonst sind die darauf entfallenden Zinsen steuerlich nicht mehr abzugsfähig.

Das Steuerrecht erzwingt in solchen Fällen eine vorzeitige Darlehenstilgung. Die dann meist entstehende Vorfälligkeitsentschädigung ist schmerzlich, auch wenn sie als Praxisausgabe steuerlich absetzbar ist.

Eine Gestaltung vermeidet die Vorfälligkeitsentschädigung und lässt die Darlehenszinsen steuerlich bestehen: Der Verkaufserlös wird zur Finanzierung einer weiteren steuerlichen Einkommensquelle genutzt, sei es ein weiterer Praxiserwerb oder aber auch (wenn die Bank zustimmt) einer vermieteten Immobilie.

Steuerplanung immer immer beachten und Rücklagen bilden

Nicht wenige Existenzgründer kommen an die Grenze ihrer finanziellen Möglichkeiten, wenn sie die Steuervorausschau vergessen. Wenn nach der anfänglichen Verlustphase Gewinne eintreten, so löst dies nicht automatisch die darauf entfallende Steuer aus. Erst Jahre später, mit der Abgabe der Steuererklärung für ein Gewinnjahr, werden regelmäßige Vorauszahlungen festgesetzt.. Doch vor allem kommt es in einem Schlag zu erheblichen Nachzahlungen für die vergangenen Jahre. Wer in diesem Zeitpunkt keine Rücklagen gebildet hat, kommt in eine schwierige finanzielle Lage Jeder Selbständig, vor allem aber Existenzgründer mit wenig liquiden Reserven, sollte daher zu jedem Zeitpunkt seine aktuellen Steuerschulden kennen, und entsprechende Rücklagen gebildet haben.


Beispiel:

Die Praxis macht im Jahr 01 und 02 wenig Gewinn, in 03 wird ein Gewinn von 130.000 erzielt. Die Steuererklärung für 03 wird im Februar 05 abgegeben. Im Juli 05 werden vom Finanzamt festgesetzt  Einkommensteuern 03 30.000 € + Einkommensteuern 04 30.000 € + Vorauszahlungen 05 je 15.000 € im September und Dezember 05.

 

Eine Existenzgründung, sei es in Form einer eigenen Praxis oder durch Einstieg in eine Kooperation, ist immer auch mit erheblichen steuerlichen Risiken aber auch Chancen verbunden. Die Weichen dafür werden früh gestellt.  Jeder Existenzgründer tut gut daran, sich mit diesen Fragen zu befassen und eine regelmäßige aktuelle Steuerplanung zu machen.

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